Wie setze ich Prioritäten?

Gegenwarts-Christian und Zukunfts-Christian haben eine Diskussion übers Reisen, Leben und die Frage, was man mittelfristig so erreichen möchte. Wie das ungefähr aussieht möchte ich Dir in diesem Artikel über Prioritäten vorstellen.

Ich sitze vor unserer Kabine und philosophiere übers Reisen und das Leben im Allgemeinen. Dabei rekapituliere ich die letzten Monate von der Abgabe meiner Masterarbeit bis hin zum jetzigen Moment. Ursprünglich wollte ich ja mal an meiner Uni-Karriere arbeiten und meine restliche Energie und Aufmerksamkeit auf das Klettern richten. Dann hat Anne vom Reisen erzählt und wie schön es doch wäre, nochmal die Welt zu erkunden. Wir haben uns intensiv mit diesem Gedanken auseinandergesetzt und wie das geendet ist, wissen wir ja alle…

 

Ein Dialog mit mir selbst

Nun sitze ich wie gesagt hier, ohne Uni aber dafür mit Winterspeck, laschen Unterarmen und kaum noch Hornhaut auf den Fingern. Zudem ist weit und breit kein Fels zu sehen, sondern eher australischer Busch und das Meer… Quasi der Alptraum eines jeden Kletterers. Da denke ich mir doch glatt- da hat was nicht so richtig hingehauen!

Da springt Zukunfts-Christian aus irgendeiner Hirnwindung im Präfrontalen-Kortex und säuselt was von Prioritäten.

Gegenwarts-Christian schaut sich ungläubig um und entgegnet verwirrt: „Prio… Prio… Prio-was?! Ich will das alles machen. Und noch viel mehr. Warum? Weil ich alles machen kann was ich will! Deswegen Reise ich doch auch, oder nicht?“

Zukunfts-Christian: „Das hat ja in Bezug auf deine Uni- und Kletterpläne schon ziemlich gut funktioniert, was!? ;). Vielleicht wäre es wichtig mal über deine persönlichen Prioritäten nachzudenken, bevor du dich über ungünstige physische Verfassungen und geplatzte Karriereträume beschwerst!“

Gegenwarts-Christian gerät ins Stocken und fragt Zukunfts-Christian schnippisch: „Was sind denn nun diese ach so tollen Prioritäten?“

Zukunfts-Christian beginnt seinen Monolog: „Also, Prioritäten verhelfen einem dazu, Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen wiederum sind von deinen eigenen Interessen, Motiven und Bedürfnissen abhängig. Interessen sind an persönliche Präferenzen gebunden, wie man beispielsweise seine Freizeit verbringt. Motive hingegen sind die bewussten bzw. unbewussten Beweggründe, warum man bestimmten Interessen folgt oder warum man anstelle der wilden Partynacht lieber auf der Couch versackt. Kurzum gesagt sind Motive immer an einen Ist-Soll-Vergleich gebunden, welcher auf eine Zielstellung/-erreichung hinarbeitet. Bedürfnisse sind hingegen kaum bewusst wahrzunehmen, sondern eher in automatisiertem Verhalten zu erkennen.“

Gegenwarts-Christian schreitet ein und rekapituliert: „Das bedeute demnach, dass mein Interesse beispielsweise das Klettern ist und die dahintersteckenden Motive zum Beispiel Leistung und Freiheit sind. Diese wiederum entspringen dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und dem Erfahren eigener Grenzen. Ist das ungefähr richtig?“

Zukunfts-Christian: „Wunderbar, du bist auf dem richtigen Weg! So und jetzt kommen die Prioritäten ins Spiel. Da man meist nicht nur ein Interesse hat und es auch nicht nur die Motive der Freiheit und Leistung, sondern auch die Motive nach Anschluss und Macht gibt, ist es manchmal gar nicht so einfach, sich für etwas zu entscheiden. Ganz zu schweigen von deinen eigenen Bedürfnissen, welche deinen kognitiven „Rubiks Würfel“ von einheitlich angeordneten Farben bis hin zum Würfelsalat so richtig durcheinanderbringen können. Wer also seine Prioritäten richtig setzen möchte, sollte auch in der Lage sein, seine eigenen Motive und damit auch Ziele zu kennen oder Situationen rekapitulieren zu können, in welchen die Motive zum Ausdruck gebracht werden“

Gegenwarts-Christian: „Wie kann ich denn nun meine Prioritäten richtig erkennen und setzen?“

Zukunfts-Christian: „Pass auf jetzt wird’s spannend! Egal ob du beim nächsten Wettkampf auf dem Siegertreppchen stehen, deinen Chef mit deinem Vortrag zum ausgearbeiteten Beleuchtungskonzept für die neue Produktionshalle beeindrucken oder deine Freundin mit einem selbstgekochten Abendessen überraschen möchtest- es ist wichtig seine Ziele zu kennen und anhand derer seine Prioritäten zu gewichten. Prioritäten gewichten bedeutet, den Wert des angestrebten Ziels zu definieren und zu entscheiden, wie wichtig einem die Erreichung des Ziels ist. Dabei könnte die Gewichtung von Wettkampf zu Wettkampf unterschiedlich sein, da man wiederum zwischen einer Deutschen Meisterschaft und einem kleinen regionalen Turnier unterscheiden muss. Ist man in der Lage, sich diese Gedankengänge zu vergegenwärtigen, so ist man auch in der Lage ,seine Prioritäten richtig zu setzen und vor der Deutschen Meisterschaft vielleicht mal nicht mit den Freunden feiern zu gehen und sich zu Hause mental auf die Wettkampfsituation vorzubereiten. Das Motiv nach Leistung ist in diesem Beispiel stärker als das Motiv nach Anschluss, wodurch man sich für die mentale Vorbereitung anstelle der wilden Partynacht entscheiden wird.“

Gegenwarts-Christian: „Aha, ich verstehe nun so langsam was du meinst. Und was mache ich, wenn ich mir das nicht merken kann und eher der visuelle Typ der Entscheidungsfindung bin?“

Zukunfts-Christian: „Auch dafür gibt es eine Lösung. Du kannst dir beispielsweise eine Pro-Contra-Liste mit deinen kurz-, mittel- und langfristigen Zielen machen, dir überlegen welche Ziele dir in der jeweiligen Kategorie am wichtigsten sind und anfangen, diese zu gewichten!“

Gegenwarts-Christian: „Das ist eine gute Idee, aber ich glaube das ich diese Liste dann irgendwann wieder vergesse.“

Zukunfts-Christian: „Um dem Vergessen vorzubeugen könntest du diese Liste an einem Ort, den du mehrmals am Tag besuchst, aufhängen. Das könnte der Kühlschrank, der Spiegel oder deine Wohnungstür sein. Immer wenn du vorbeigehst kannst du dir dessen bewusst werden und deine aktuelle Situation mit der Zielstellung vergleichen. Und keine Sorge, mir ist auch klar, dass sich Ziele ändern. Wenn das der Fall ist, solltest du deine Liste mal überarbeiten. Bei der Überarbeitung solltest du aber sehr ehrlich mit dir sein und darüber nachdenken, ob du deine Ziele aus Bequemlichkeit änderst oder ob sie sich wirklich geändert haben.

Sei davor gewarnt, dass es nicht immer einfach ist, seine Ziele zu erreichen und man sich auch durch Situationen zwingen muss, die sehr unangenehm sind. Diesen solltest du aber auf keinen Fall ausweichen, denn meist bergen diese Situationen das größte Entwicklungspotential, selbst wenn du im ersten Augenblick scheiterst. Zudem läufst du Gefahr, dich irgendwann darüber zu ärgern oder eine innere Spannung zu verspüren, die deshalb zustande kommt, wenn deine bewussten Motive nicht mit den Unbewussten übereinstimmen. Das wäre ein wichtiges Signal, um seine eigenen Ziele auf Richtigkeit zu überprüfen!“

Zukunfts-Christian: „So mein Lieber, nun stelle ich dir mal eine Frage: warum hast du dich fürs Reisen und nicht für die Karriere entschieden?“

Gegenwarts-Christian: „Uiuiui jetzt wirfst du mich aber ins kalte Wasser. Ich versuche dir mal mit dem, was ich gerade von dir gelernt habe, zu erklären, was mich dazu bewegt hat reisen zu gehen.“

In den letzten Jahren an der Uni habe ich total viel über mich selbst gelernt. Beispielsweise dass ich morgens am produktivsten bin, dass es mir viel Spaß bereitet, mich durch wissenschaftliche Theorien zu ackern und diese in meiner Arbeit zur Anwendung zu bringen, dass ich am besten lerne, wenn ich mich in unsicheren und neuen Umgebungen befinde und dass ich kein Freund der Routine bin. Ich liebe die Abwechslung und mich unter Anwendung und Berücksichtigung meiner Fähigkeiten an eine neue Umwelt anzupassen. Das gibt mir das Gefühl der Selbstbestimmtheit, schlicht der Freiheit.

Auf der anderen Seite brauche ich Rituale, die mir ermöglichen, keine Entscheidung treffen zu müssen, sondern einfach zu handeln, ohne viel darüber nachzudenken. Das ermöglicht mir Energie für andere, wichtigere Dinge aufzusparen. Außerdem sind Rituale Ereignisse, auf die man sich freuen kann. Ich beispielsweise liebe es an den morgendlichen Kaffee zu denken, bevor ich ins Bett gehe.

Wenn ich mich für die Karriere entschieden hätte, wäre ich jetzt wahrscheinlich in einem Büro und würde jeden Tag den selben Fleck an der Wand anstarren. Der Spaß an der eigentlichen Tätigkeit würde durch die triste Wiederholung von Arbeitsabläufen unterdrückt werden.

Ich habe mich für das Reisen entschieden damit ich die Erkenntnis der letzten Jahre nicht im Keim ersticke, sondern zum Wachsen bringe. Ich möchte mich weiter entwickeln und an meiner Persönlichkeit arbeiten. Auch wenn ich mich momentan nicht in der besten physischen Verfassung befinde und eher einem Gummibärchen gleiche, finde ich einen anderen Weg mich fit zu halten. Auch wenn ich gerade nicht der Tätigkeit nachgehe, die ich am liebsten mache würde, finde ich einen Weg auf diese hinzuarbeiten. Auch wenn ich keinen sicheren Job habe und dieser nichts mit meiner Profession zu tun hat, finde ich einen anderen Weg mich selbst auszudrücken, bin froh über jede neue Erfahrung und freue mich, etwas Neues zu lernen.

Ich kann mir gerade nicht sicher sein was passiert und das möchte ich auch nicht, aber ich kann mir sicher sein, dass ich für jede Situation einen Lösungsansatz finde und ich auf meine Ziele hinarbeiten werde. Das ist das schöne am Reisen, jeder Tag ist anders und jeder Tag birgt Herausforderungen und schöne Momente. Wenn du dir deiner Prioritäten bewusst bist, wirst du immer einen Weg finden, der dich deinem Ziel ein Stück näher bringt!“

Prioritäten sind wie Wegweiser. Sie sagen dir wo es lang geht, aber nicht wie beschwerlich der Weg ist oder was du auf diesem erleben wirst. Folgst du ihnen, wirst du immer eine Lösung finden, um an dein Ziel zu kommen!

Hat dir diese Form des Beitrag gefallen und du möchtest solche Dialoge öfters lesen? Dann lass uns doch bitte ein Kommentar da und drücke auf das Herz 🙂

1 Comment

  • Kiki 11 Monaten ago Reply

    Thank you! Big hugh 🙂

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